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turmaugen
Es
war noch immer früh am Morgen, als der Fremde auf seinem
schwarzen Pferd über die Weiden auf das Dorf zutrabte. Sehr
früh. Die senkrechten Nebelstreifen stiegen noch immer aus
dem Gras auf. Sommerfäden nannte man sie, und ihre Mutter
hatte ihr erzählt, daß die Erde sie in dieser Zeit
des Jahres freisetze, damit Gott das Garn hat, das ER braucht,
um den Sommer zu weben. Meara
lächelte. Die Fäden entstanden, weil der Boden noch
kalt und die Morgensonne in dieser Jahreszeit bereits genug
Kraft hatte, den verblüffenden Effekt hervorzurufen.
Eigentlich sollten sie Winterfäden heißen, dachte
sie, weil der gefrorene Boden noch immer dem Winter gehörte
und die niedrig stehende Sonne seinen Pullover
aufribbelte. Das rötliche
Frühlicht schimmerte auf dem Reiter, ließ langes,
seinen Rücken hinunter fließendes Haar golden
aufglühen, obwohl sein blasses Gesicht in den Schatten
verborgen blieb, als ob unberührt vom roten Licht der
Morgensonne – und das schwarze Fell des Pferdes unter ihm
schien das Licht zu trinken. Nicht eher als jetzt bemerkte sie,
daß kein Silber, nicht einmal einfaches Metall am Zaum
glitzerte und selbst die Gebißstange schwarz zu sein
schien. Sie erstarrte, als sie
schließlich sein Gesicht erkennen konnte. Wie schade.
Jungen wie er wurden selten zu Männern. Ein Gesicht wie
dieses verursachte zu früh zu ernsthaften Ärger, als
das die Streitereien und Kämpfe zu vermeiden waren, die die
schlanken Glieder lang vor der Zeit zerbrechen würden.
Fünfzehn Jahre alt, dachte sie, vielleicht sechzehn. Sein
Haar glühte im frühen Sonnenlicht wie flüssiges
Gold und dieses Mal erreichte das Licht auch sein Gesicht, ließ
blasse, cremefarbene Haut aufschimmern. Es wäre ein Wunder,
würde er auch nur siebzehn mit diesem
Gesicht... "Entschuldigt,"
eine Stimme drängte sich in ihre Gedanken und sie brauchte
einen Moment zu bemerken, daß er sein Pferd keine fünf
Schritte von ihr gezügelt und gesprochen hatte. Sie hatte
sich geirrt. Das war kein zu hübscher Jüngling –
obwohl er das ohne Zweifel einmal gewesen war – aber die
Stimme gehörte zu einem Mann. Einem Erwachsenen. Da war
keine Spur mädchenhafter Höhe oder die Dissonanz des
reifenden Jungen in ihr. Erwachsen. Und nun sah sie auch den
Schwertgriff über seine rechte Schulter ragen, beinahe
verborgen in dem fließenden Haar, das bis auf den Sattel
hinunterreichte und sich wie ein weites Cape um ihn herum
bewegte. "Ist dieses Dorf
Ashford?" fragte er und sie nickte. "Ja. Soll ich Sie
zu unserem Dorfältesten bringen?" "Danke.
Das wäre sehr freundlich. Darf ich Ihren Namen erfahren?"
Sie schluckte. Namen trugen Macht, große Macht, nicht
einmal des Gottes Priester leugneten das und sie leugneten fast
alles andere, das ihre Kirche nicht erfunden hatte. Es war
niemals klug, seinen Namen einem Fremden zu nennen. "Ich
heiße Robin," sagte er unbekümmert, so als wäre
es nichts bedeutsames, und gestattete ihr einen einfachen
Austausch damit. "Ich bin Meara." Ein Schatten flog
über sein Gesicht, ein Hauch von Ärger, aber seine
Stimme war unverändert, als er fortfuhr – hell aber
sonor, mit Macht darin, die sie an Wasser erinnerte, so weich,
und doch stark genug, Gebirge zu schleifen. "Bitte vergib
mir, daß ich nicht absitze, Meara. Ich weiß, es ist
unhöflich zu reiten, wenn ein Begleiter zu Fuß gehen
muß." "Ich verstehe
dich," sagte sie leise, "wenn die Gottheit mich so
reich beschenkt hätte, wie ER dich beschenkt hat, wäre
es mir auch lieber, ein fremdes Dorf beritten zu erkunden."
Ein Lächeln blitzte in seinem Gesicht auf und war genauso
rasch verschwunden wie der Schatten aus Ärger zu vor, sie
daran erinnernd, daß sie es nicht mit einem viel zu
hübschen aber harmlosen Jungen zu tun hatte, sondern–
"Gott gewärte dir ein wunderschönes Pferd,
Robin," stellte sie klar. "Und ein viel zu hübsches
Gesicht," beendete er, sie direkt ansehend, ihren Satz
trocken. Und jetzt sah sie seine Augen. Grau. Und Blau. Mit
Türkis- und Silberflecken darin, und einem Funken Gold: die
Farbe des Himmels kurz vor dem Sturm.
exenschuß
Es
war das Bellen der Hunde, das ihn aufmerksam werden ließ.
Nicht sein ohrenbetäubender Lärm, sondern sein
plötzliches Fehlen. Dabei waren die drei großen
Wolfshunde mit ihrer Wachsamkeit sein ganzer Stolz. Niemand
würde jemals seinen Besitz betreten, ohne lautstark und
unüberhörbar von seinen Hunden angekündigt zu
werden. Und nun benahmen sie sich, als würden sie nie
wieder in ihrem Leben bellen. Selbst, Roy, sein stärkster
Rüde, tat nichts außer hinter ihm sitzen und seine
Stiefel mit der Nase anzustupsen. Liam
runzelte die Stirn und ließ seinen Blick dem der leise
winselnden Hunde folgen, die den Weg von den Weiden herauf
entlang starrten, die Schwänze zwischen die Beine geklemmt.
Das Licht war noch immer gefärbt, das Morgenrot noch nicht
völlig verschwunden. Und die winzigen Figuren eines Reiters
und daneben jemandem zu Fuß wurden rasch größer.
Es dauerte nicht lange, bis er den Läufer erkannte: seine
Schwester. Die Falten in seiner
Stirn vertieften sich. Er hat ihr mehr als einmal gesagt, sie
solle sich nicht allein auf den Weiden herumtreiben. Schon gar
nicht zu einer Zeit, wenn keine Frau von Stand, und mit
Sicherheit keine unverheiratete Frau von Stand, unterwegs war.
Aber er hatte schon lange, bald nach dem Tod ihrer Eltern
begriffen, warum ihre Mutter sie immer Meara – wildes,
hemmungsloses Lachen – gerufen hatte, anstatt den Namen zu
gebrauchen, den der Priester für sie gewählt hatte:
Mary. Der alte Name entsprach ihrem Wesen viel besser als der
fromme, aber das machte es kein bißchen einfacher mit ihr.
Er hatte gehofft, einen ehrbaren Ehemann für sie zu finden,
schließlich war seine Schwester eine wahre Schönheit
und sie waren eine mehr als respektable Familie, aber die Freier
hatten bald gelernt, daß Meara alles andere als zahm und
gehorsam war, alles andere als verheiratet zu sein wünschte.
Und sie war stolz genug, mit ihrem Gesicht, ganz blass und
schwarz, um jeden Mann davon zu überzeugen, daß er
ihrer nicht wert war. Am Ende hatte nur einer es gewagt, bei ihm
um sie anzuhalten, und er war froh darüber gewesen, denn
John McLann war einer der best-situierten Männer des Tales
und für sein freundliches Wesen bekannt. Liam
seufzte. Er hatte nie erfahren, was in der Nacht, nachdem der
Priester die Zeremonie abgehalten hatte, geschehen war. Aber
kurz nach Mondaufgang hatte seine neuer Schwager gegen die
Haustür gehämmert, eine völlig unverständliche
Entschuldigung gestammelt, und ohne weitere Diskussion den hohen
Betrag bezahlt, den die Kirche für eine Annullierung und
anschließende Revirginalisierung der Braut verlangte –
obwohl Liam sicher war, daß John absolut nichts von Meara
bekommen hatte. Mittlerweile
waren die beiden Gestalten nah genug, um nicht nur seine
Schwester, sondern auch den Reiter auszumachen. Er fluchte
innerlich. Meara war gut darin, Ärger zu verursachen. Aber
dies... Sie hob ihre Hand zum Gruß, während sie auf
ihn zukam, immer noch mit den leichtfüßigen Schritten
eines jungen Mädchens, obwohl sie nun schon über
fünfundzwanzig war, nur zwei Jahre jünger als er.
"Liam, wir haben einen Gast. Dies ist Robin und–"
Sie hielt inne, als sie bemerkte, daß der Reiter sein
Pferd, schwarz wie der Höllenschlund, gezügelt hatte
und regungslos wartete. Liams Blick wanderte über die Züge
des Fremden: ein schmales Gesicht, hohe Wangenknochen, große,
leuchtende Augen, und eine Fülle goldblonden Haars. Ein
Halbling. Mit Sicherheit. Schwierigkeiten. Vielleicht Gefahr.
"Wer bist Du und was willst Du von uns?" fragte Liam
viel weniger freundlich, als er für gewöhnlich einen
Reisenden begrüßte, der vielleicht Neuigkeiten oder
wertvolles Wissen aus der Welt außerhalb des Tales
mitbrachte. Er sah, wie sich das Gesicht seiner Schwester ob
dieser Unhöflichkeit verdunkelte, aber er war für das
Wohlergehen des Dorfes verantwortlich. Und
die ersten Worte des Reiters bestätigten seine
Befürchtungen. "I hoffe auf ein paar Tage Rast, einen
Raum nicht zu ebener Erde mit einem Schloß an der Tür.
Auf die Möglichkeit zu einem heißen Bad und einer
warmen Mahlzeit." Ein Halbling. Mit einer sanften Stimme.
"Und was hast Du zu geben für all das?" fragte
Liam kalt zurück. "Ich
kann euch die Handwerkskünste zeigen, die ich gelernt habe,
die Neuigkeiten erzählen, von denen ich auf meiner Reise
gehört habe, und lange Geschichten am Abend." Eine
weise Antwort, die Dinge, die jeder Reisende auf der Straße
anbieten würde. Und von jedem normalen Mann hätte Liam
sie liebend gern angenommen, hätte mit Begeisterung drei
Mahlzeiten am Tag, ein Bett unter seinem eigenen Dach, Reparatur
und Reinigung von Kleidung und Sattelzeug, und gesellige Runden
für Geschichten angeboten. Aber Halblinge bedeuteten Ärger.
Sie verführten die Mädchen, selbst die Frauen, mit
ihrer Schönheit und Sanftmut. Sie säten Zwietracht und
Unheil, wenn willkommen geheißen unter eines Mannes Dach.
"Welche Künste kennst Du?" "Stricken,
Knüpfen–" "Handarbeiten.
Weiberkram. Bist Du im Stande, etwas nützliches für
uns zu bewerkstelligen? Zu jagen, zum Beispiel?" Liam
wußte, es war unfair, danach zu fragen. Die Jagd war ein
blutiges Handwerk und es gab nicht viele Männer im
Königreich außerhalb der königlichen Domänen,
die es beherrschten. Und mit Sicherheit war kein zerbrechlicher,
goldhaariger Halbling unter ihnen. Aber es wäre eine
Ausrede, ihn abzuweisen. Rory, ihr Jäger, hatte einen
Hexenschuß – einen Elfenpfeil, wie die Alten es noch
immer nannten – bei seiner Arbeit in den Wäldern
gestern erlitten. Und so früh im Jahr ohne einen Jäger
waren ihre Vorräte knapp, so daß niemand ihn für
die Weigerung, einen Gast länger als eine Nacht zu
beherbergen, verurteilen würde. "Ich
erlege meine Beute," antwortete der Reiter schlicht, saß
ab und legte schlanke Finger auf die tiefschwarze Nase des
Hengstes. Liams Stirnfalten
vertieften sich noch mehr. Er hatte versucht, höflich zu
bleiben, und nun war er in seiner eigenen Falle gefangen. Er
seufzte leise. Wenigstens war Jagen ein zeitaufwendiges
Geschäft. Der Halbling würde die meiste Zeit des Tages
fort sein, und morgens und abends wäre Liam selbst da, um
eine strenge Wacht über ihn zu halten. "Unser Jäger
ist krank. Du kannst seine Fallen benutzen." "Das
wird nicht nötig sein. Ich jage mit dem Bogen." "Ein
Bogenschütze auch noch?" Liam war nahe daran, die
Nerven zu verlieren. Hatte ein Bogenschütze erst einmal
seine Beute erspäht, war er für gewöhnlich in ein
paar Minuten fertig damit, genug Fleisch selbst für einen
großen Haushalt zu machen. "Gibt es irgendwas, was Du
nicht bist?" Ein trockenes
Lächeln spielte auf den Lippen des Fremden. "Ich bin
kein Lügner, obwohl Du das bezweifelst." Das ließ
Liams Nerven reißen. "Wie soll ich es nicht
bezweifeln? Du kommst hier her noch bevor die Sonne wirklich am
Himmel ist, über die Weiden fernab von der Straße und
sprichst zuerst mit meiner unverheirateten Schwester, ohne einen
Gedanken daran zu verschwenden, was sich gehört und was
nicht!" "Sie
war als einzige da," erinnerte Robin ihn sanft, nun nicht
mehr als zwei Schritte von ihm entfernt. Ein Windstoß
bewegte das fließende Haar und enthüllte den Griff
über der Schulter. "Mit
einem Schwert auf dem Rücken!" "Ich
bin nicht hier, um Ärger zu machen. Ich geb dir mein Wort
darauf." "Und was ist
das wert, Goldschopf?" fragte Liam wütend. "Wir
wissen nicht, ob Du ein Mann von Wort bist. Ich, persönlich,
bezweifle das ganz und gar!" "Du
bist ein vertrauenswürdiger Mann, nicht wahr?" sagte
der Fremde ruhig. "Und keiner würde das jemals
bezweifeln, weil Du aussiehst, wie jemand, dem man vertrauen
kann. Nun, mein Haar ist blond nicht braun, meine Augen sind
grau nicht braun, meine Haut ist hell nicht gebräunt,
aber–" "Genau,"
Liam unterbrach ihn. "Jedermann weiß, daß
solche wie Du nur Ärger machen!" "Weil
Leute wie Du ihn immer anzetteln, Schlammkopf!" gab Robin
zurück, scharf und kalt, mit blitzenden Augen. Nach einem
Moment, begann Liam zu lächeln. Wenn nichts sonst, so
respektierte er Mut. "Du magst bleiben. Besorg uns Wild in
den nächsten Tagen, um unsere Vorräte aufzufüllen
und unterhalte uns mit Geschichten am Herd, um uns zu erfreuen,
und Du hast mehr als genug bezahlt für Essen und Bett,
Stroh und Stall, Robert." "Robin,"
korrigierte sein Gast leise. "Einfach Robin."
lfen
und Wölfe
Liam
lehnte sich entspannt zurück und beobachtete die Szene auf
den Bänken rund um den großen Kachelofen mit einem
verhaltenen Lächeln. Er fühlte sich immer noch nicht
so ganz wohl mit ihrem Hausgast, aber Robin hatte nicht zuviel
versprochen: er hatte jeden Tag Wild gebracht – zumeist
Kaninchen. Und die Mythen und Legenden, die er des Abends
erzählte, waren schnell zu einem Ereignis geworden –
und nicht nur für die Kinder. Liam
hatte sich selbst schon mehr als einmal dabei erwischt, den
Geschichten des Halblings gebannt zuzuhören, obwohl er am
Anfang über sie die Stirn gerunzelt hatte, denn es waren
keine frommen Geschichten. Aber er konnte auch keine Blasphemie
in ihnen entdecken, also hatte er sie auch nicht verbieten
müssen. Besonders die Erzählungen über die
Abenteuer der zwei Elfenprinzen von Sonne und Mond –
Rhobin und Liosliath bei Namen – waren sehr beliebt bei
den Mitgliedern seines Haushalts...
"Du
bist sehr sorglos mit Namen. Für jemanden mit Blutsbanden
zum Alten Volk," flüsterte Meara in das Knistern des
Feuers, als seine Worte verklangen, nachdem alle außer
ihnen eingeschlafen waren. Er hatte gewußt, daß sein
Bann sie unberührt lassen würde. "Wie kannst Du
ihre Namen, die Zügel ihrer Seelen, so freizügig
herausgeben? Fürchtest Du nicht ihren Zorn dafür?" Er
lachte leise, vorsichtig seine Fänge verborgen haltend.
"Was sind Namen, Meara? Sind sie irgendwas mehr als
Worte?" "Namen tragen
Macht. Du kannst jemanden binden bei seinem Namen," hauchte
sie. "Wie ist meine Name,
Meara?" "Robin..."
Seine Augen glühten in der Dunkelheit und sie stoppte. "Das
ist nicht dein Name, oder?" "Er
ist es. In gewisser Weise." "Wer
bist Du wirklich?" Er wiederholte seinen Namen, in der
sanften, vibrierenden Art, in der er seine Legenden erzählte.
In dieser Aussprache klang er ein wenig anders, wilder, trug den
Hauch von Raubtieren und Äonen in sich. Und er klang
vertraut... vertraut von den Geschichten, die er früher am
Abend erzählt hatte. Sie warf ihren Zopf über ihre
Schulter zurück, wurde zu einer Silhouette in der Nacht:
ganz Silber und Dunkelheit. Ganz stolz und wild. "Du bist
nicht Robert. Du hast uns angelogen," forderte sie ihn
heraus. "Nein. Die Macht der Namen liegt in ihren
Bedeutungen. Ohne das Wissen darüber sind sie nur Worte."
Ihre Augen blitzten. "Du wirst uns nicht sagen, wer Du
bist, oder?" sagte sie, mit einem vibrierenden Knurren in
der Kehle, das keiner der Menschen je hören
würde. Sein Lächeln
in den Schatten des flackernden Feuers hatte etwas wölfisches,
mit glitzernden Fängen und in der Finsternis glühenden
Augen. Sie hatte ihr Haar fest geflochten, wie es
Menschenmädchen taten, die nicht gefreit werden wollten.
Frauen ihres Alters waren für gewöhnlich schon seit
Jahren verheiratet und hatten Kinder an ihren Rockzipfeln. Er
hatte darauf gebaut und war froh, daß er recht behalten
hatte, daß sie tat, was die meisten Halblinge, gefangen
unter den Menschen taten, sonst wäre die Ähnlichkeit
viel zu offensichtlich gewesen. Obwohl er sich danach sehnte, es
offen zu sehen, ungeflochten. Seine
Hand glitt durch die kühle Nachtluft, als ob sie durch das
nachtschwarze Haar striche. Frei. Wild. Wild
wie die Wölfe war seine Rasse in der Vereinigung
miteinander, wenn sich die Feuer entluden, die nur die eigene
Art zusätzlich zum Verlangen entzünden konnte. Viele
seines Volkes fürchteten sie und suchten Befriedigung, wo
die Gefahr der Feuer nicht bestand. Und welche Maid in ihrem
ersten Erwachen konnte dem Charme eines Sidhe widerstehen? Das
war der Grund für all die unter den Menschen gefangenen
Halblinge... Aber er war nie
zahm genug, für so eine Paarung. Und er beabsichtigte
nicht, es zu werden. Genauso
wenig wie sie. "Feuer."
Er hauchte es, in mehr als einer der Welten. Und ihre Augen
weiteten sich angesichts der Macht, die er ihr über sich
gab, ihrerseits einen Bann über ihn legend, der ihn von dem
seinen über die Menschen ablenkte, und sie aufwachen ließ,
mit den Kindern auf ihren Knien, die um eine weiteres Märchen
von ihrem Gast quengelten.
Die
letzte Geschichte dieser Nacht erzählte von einem
wunderschönen Elfenprinzen – Tassanden – der
dem Befehl der Regentin zuwiderhandelte, da er fürchtete,
er würde all die Welten in Gefahr bringen, wenn er ihn
ausführte. Für seinen Ungehorsam wurde der Prinz
verbannt und niemand von seinem Volk sollte ihn je wieder
ansehen. Aber zwei Kriegsherrinnen der Elfen waren seiner
Meinung, und – da sie die Meinung der Regentin nicht
ändern konnten – beschlossen, Kinder seines Blutes zu
gebären. Die erste von ihnen – Nimue – schenkte
einem Sohn das Leben, den sie Rhobin nannte. Die zweite –
Nirage – gebar eine Tochter mit dem Namen Nat'ash'a. Der
Sohn kam nach seiner Mutter, aber die Tochter folgte ihrem Vater
im Aussehen, ganz silber und schwarz. Und so nahm ihre Mutter
ihr neugeborenes Kind und kam zur Erde, wo sie sie mit einem
totgeborenen Menschenbaby vertauschte. Fünfundzwanzig Jahre
später suchte der Halbbruder nach seiner
Gefährtin... Es war eine
seltsame Geschichte, viel seltsamer als die anderen, und Liam
war sich keineswegs mehr sicher, daß sie frei von
Blasphemie war, denn sie schmeckte nach Inzest und
Wechselbälgern, – beides Monstrositäten, die die
Heilige Kirche verdammte – aber die sanften, fließenden
Worte schienen seine Zweifel einzufangen und erstickten sie in
der flüsternden Stille...
Liam
schreckte auf lange nachdem das Feuer niedergebrannt war und
fand seine ganze Familie schlafend auf den Bänken um den
Ofen vor. Alle... außer Meara und dem Halbling. Auf einmal
ergab alles einen Sinn: Rory's Hexenschuß am Tag bevor ihr
Gast zu ihnen kam, die sanften Worte, der funkelnde
Stahl. Er taumelte aus dem Haus
und fand den schwarzen Hengst verschwunden. Er folgte dem Weg
über die Weiden, nur um eine vage Silhouette in den Wäldern
verschwinden zu sehen. Er wollte weiter eilen und das Knurren
von Wölfen hielt ihn auf. Fünf Wölfe saßen
in einer Reihe quer über dem Weg, starrten ihn mit in der
Dunkelheit blau glühenden Augen an. Liam erstarrte, aber
die Sorge um seine Schwester war stärker als seine Angst
vor den Wölfen und er schrie mit erhobenen Fäusten:
"Sie ist meine Schwester! Was hast Du mit ihr vor? Ich muß
wissen, was mit ihr geschieht. Oh Gott, Du wirst sie
verletzen!" "Das
werde ich," bestätigte eine ruhige Stimme neben dem
Weg. Eine Stimme, die die Wölfe mit einem Winseln
begrüßten. "Und sie mich. Denn das ist es, was
wir sind." Liam sah die Silhouette eines zweiten Reiters
mit langem, fließendem Haar neben ihm. "Meara, warum
gehst Du mit ihm? Hat er dich verhext? Was hat er dir angeboten,
das keiner deiner Werber hatte?" "Ich
machte ihr das schlechteste Angebot von allen," antwortete
die sanfte Stimme. "Nichts. Kein Haus, keine Versprechen,
keine Sicherheit." "Meara.
Du–" "Ja,"
kam die Stimme seiner Schwester aus der Dunkelheit. "Keine
Regeln, keine Befehle, keine Vorschriften, keine
Halsbänder." Liam
unterdrückte ein Schluchzen und die sanfte Stimme des
Elfenprinzen sagte: "Ich schulde dir für ihre
Sicherheit. Ich schulde dir mein Leben. Vor einer langen Zeit
bedeutete der Halbmond der Sidhe über einem Dach Sicherheit
und Wohlergehen für seine Bewohner. Einst ware wir
willkommene und geehrte Gäste in euren Häusern,
Mensch, weil wir Sicherheit und Ehre für unsere Gastgeber
bedeuteten. Aber die Welt hat sich geändert. Und nun habe
ich nichts anzubieten, das Du annehmen kannst, ohne den Zorn
deiner Priester auf dich herabzubeschwören. Nichts, außer
einem Versprechen: Sie gehört mir nicht mehr als ich ihr
gehöre. Und keiner von uns wird dich jemals vergessen. Wir
werden uns erinnern, wenn die Kinder deiner Kinder alt und grau
sind und sich über die Narreteien ihrer Vorfahren beklagen,
werden wir die Wahrheit noch immer wissen." Wahrheit...
das Wort hing noch immer vibrierend in der eisigen Nachtluft,
als die Silhouetten der Reiter und der Wölfe auf dem Weg
längst verschwunden waren.
ENDE
Über Namen:
Liosliath = (elf)
Sidhe Burg, auch Silberne Rüstung (Ursprung des Namens
Lesley) Mary = (Maria) ein christlicher Name Meara =
(keltisch) wildes Lachen Nat'ash'a = (elf) Silberne
Leopardin Nimue = (elf) Nirage = (elf) Rhobin = (elf)
Feuer, das Element im Herzen des Pentagramms; wird ausgesprochen
wie Robin, aber mit einem stärkeren, schärferen R,
einem leichten Fauchen zwischen R und O und einem sehr hellen
I. Robin = eine Kurzform von Robert (von strahlendem
Ruhm) Tassanden = (elf) der Tänzer |