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Ich
träume – keine Träume, in denen man eine Straße
entlang läuft, sich intensiv der Struktur der
Pflastersteine bewußt, oder der Kreatur, die einen
verfolgt; keine Träume, die am Morgen vergessen sind –
nicht solche Träume. Ich
träume Erinnerungen. Exakt. Präzise. Mit Details.
Dinge, die man nicht vergißt. Niemals. Nicht einmal am
Morgen nach dem Aufstehen, wenn man einer Prüfung in
theoretischer Physik entgegensieht. Dinge
wie... ...Missionen. Ja,
ich glaube, ich träume von Missionen. Missionen, die nicht
geschehen sind. Missionen, die ich nicht erlebt habe. Missionen,
an die ich mich nicht erinnern darf. Aber ich erinnere mich –
Momentaufnahmen, Augenblicke, Situationen ohne Verbindungen.
Schnappschüsse. Fetzen von Gedanken, die mich erschrecken,
weil sie nicht geschehen sein können. Unmöglich. Aber
ich erinnere mich...
...ein
Gebäude, aus Holz, einem Blockhaus ähnlich. Becher und
Platten, ungeschickt aus Holz geschnitzt, auf den Tischen im
grasbewachsenen Hof. Das Gras ist zertrampelt. Ich sitze in der
äußersten Ecke, habe meinen Platz strategisch
gewählt: an zwei Seiten von der zerrupften Hecke umgeben.
Jenseits der Hecke verläuft die Straße zum Berg, der
sich in meinem Rücken erhebt, um sich in engen Serpentinen
an ihm hinaufzuwinden. Die Taverne dröhnt vom Lachen der
Kreaturen, die sie bevölkern. Die meisten von ihnen tragen
Uniformen, überwiegend grassgrüne, Moqaari-
Kavallerie. Ein brauner
Vierbeiner knabbert an den Blättern neben meinem in dunkles
Leder gehüllten Arm. Es prustet auf meine Hand. Violette
Augen mit gekreuzten Pupillen sehen mich an. Harmlos.
Freundlich. Ein Moqaari. Shay
zieht das Tier zurück auf die Straße zum Berg, Zeige-
und Mittelfinger zusammengepreßt an die linke Schulter
gelegt. Er hat die Information. Wir können zurück. Ein
Signal. Es klingt wie die Hölzer eines Xylophons. "Da
ist der Dieb!" Eine Kompanie Kavalleristen donnert an mir
vorbei. Ihre Reittiere sind frisch, aber Shay ist bereits halb
den Berg hinauf. Sein Moqaari hat ordentlich zu schleppen, er
ist beinahe einen Kopf größer als ich, und sein
Aussehen läßt auf seine Kraft schließen. Vor
dem gelblichen Himmel, wirkt sein blasses Haar fast wie ein
Fanal. Es wird eng werden. Die
Kavalleristen in der Taverne laufen zu ihren an die Hecke
gebundenen Tieren. Viergelenkige Finger deuten in meine
Richtung. Keine Zeit mehr. Ich
werfe mich durch die Hecke und fliehe, der Straße folgend,
den Berg hinauf, bis die erste, tief eingegrabene Serpentine
mich ihren Blicken entzieht, dann senkrecht den Abhang hinauf,
wo mich die dunklen Büsche verbergen. Unter mir jagen
Reiter an meiner Position vorbei. Ich verstecke mich in einer
Auswaschung unterhalb der zweiten Serpentine, mein helles
Gesicht und die Hände trotz des fauligen Gestanks im
vermodernden Laub verbergend. Sie
passieren über mir. Es wird still. Ich hebe den Kopf, als
ich langsamen Hufschlag vernehme. Moqaari haben lange, schlanke,
fast stakelige Beine, die in nahezu tricherförmige Hufe
auslaufen. Wenn sie traben, klingt es immer, als wären sie
kurz vorm Zusammenbrechen, aber sie sind erstaunlich schnell.
Ich packe das kleine Mädchen am Bein und zerre sie aus dem
Sattel. Es ist
höchstwahrscheinlich das erste Mal, daß das Schwarze
senkrecht den Berg hochgejagt wird. Es stolpert und keucht. Aber
ich muß Shay erreichen, bevor das die Kavallerie tut.
Dritte Serpentine. Vierte. Fünfte. Ich habe die Reiterei
überholt, ihre schwergepanzerten Moqaari sind mit dem
steilen Hang überfordert. Ich hab nie geglaubt, daß
ich mich mal nach einem Gleiter sehnen würde, aber jetzt
tue ich das. Das Schwarze ist jeden Moment am Ende. Ich
sehe Shay neben der Hütte. Er ist bereits am Absitzen. Ich
schnelle aus dem Sattel. Wir laufen. Da ist die Felsspalte.
Meine Augen sind besser im Dunkeln. Ich springe voran in die
Finsternis. Das technische
Glühen des voreingestellten Transfers umschließt
uns...
...das
Fragment ist vorbei. Ich weiß nicht, wer Shay ist, was
folgte, oder wie es begann. Ich habe keine Ahnung, für was
für eine Information wir unsere Leben riskierten. Es ist
mir verboten, mich zu erinnern. Aber ich erinnere mich, daß
ich ihn kenne, daß wir Dinge wie diese unzählige Male
durchstanden. Manchmal ist er da, wenn ich ankomme, erwartet
mich mit einem verzerrten Lächeln, einer Umarmung, manchmal
mehr, wenn wir die Zeit dafür bekommen... Manchmal
bin ich es, die auf ihn wartet. Ich
weiß dort, was ich hier bin, weiß es genau, erinnere
mich präzise. Das ich noch zur Schule ging, wenn ich das
erste Mal ankam und daß ich jetzt studiere. Mit seinem
blondem Haar und den grünen Augen erinnert Shay mich an
einen Trickfilmhelden, über den ich hier in meiner Freizeit
Geschichten schreibe, obwohl er keine der Superkräfte hat,
die jener fiktive Charakter besitzt. Ich habe es ihm einmal
erzählt, in einem der viel zu seltenen friedlichen Momente,
zusammen auf schwarzen Seidenlaken liegend, ein Glass blutroten
Wein teilend. Und ich erinnere mich, wie er den Kopf aus vollem
Halse lachend zurückwarf, und mich daran erinnerte, daß
ich diejenige mit dem eisigen Zynismus und der Aggressivität
sei. Und er hat Recht. Er ist es, der von uns Shakespeare
zitiert, während ich eher dazu neige, ihm den
ledergebundenen Wälzer mit den gesammelten Werken an den
Kopf zu werfen, wenn er mir auf die Nerven geht... unsere
Uniformen lagen auf dem Boden: meine schwarze verknäult mit
seiner anthrazitgrauen. Ich habe den höheren Rank von uns
beiden. Weniger Mitleid. Keiner von uns wollte aufstehen, als
das Signal kam. Ich erinnere mich nicht mehr, wofür. Es ist
untersagt...
...Schlammpfützen
bedecken den breiten, kopfsteingepflasterten Weg. Von Zeit zu
Zeit steigen Blasen durch die ölige Schicht auf ihrer
Oberfläche. Windböen treiben Herbstlaub über den
Pfad. Die Einheimische schlingt ihren fadenscheinigen Mantel
enger um sich. Es ist kalt und feucht. Die niedrigen,
zweistöckigen Fachwerkhäuser bieten nicht viel Schutz
gegen den kalten Wind. Sie verläßt die Straße.
Ich folge ihr. Der neue Weg ist nicht viel mehr als ein
Trampelpfad einen der die Ansiedlung umgebenden Hügel
hinauf. Eine der größten hier. Was nicht zuviel
hieß. Wir erreichen die
Kuppe, auf Ellbogen und Knien schiebe ich mich näher an den
Abhang auf der anderen Seite heran. Mein Feldstecher steckt in
einer alten Nylonsocke. Das Material kennen sie hier nicht, ich
muß vorsichtig damit sein, es könnte mich verraten.
Einerseits wird die Auflösung so reduziert, aber
andererseits verhindert es zuverlässig Reflexionen des
rötlichen Mittagssonnenlichts, die meine Position verraten
könnten. Die Wesen, die
hier leben müssen, tun mir leid. Das Gebäude am Ende
der gepflasterten Straße besteht aus demselben grauen
Stein wie der Weg selbst. Flach. Keine sichtbaren Fenster. Etwa
so hoch wie zwei Erwachsene. Selbst das Dach besteht aus dem
Stein – die Häuser der Siedlung sind primitiver, ihre
Dächer nicht viel mehr als Schindeln mit Bitumen verklebt.
Wenn es wärmer wird, müssen die engen Straßen
entsetzlich nach dem Zeug stinken – okay, das Haus läßt
sich aus der Luft leicht identifizieren. Gut. Möglichkeit
eines Luftangriffs gegeben. Ein
großes Tor zur Straße hin öffnet sich. Das
laute Plärren von Trompeten mischt sich mit dem
blutdürstigen Gebell zweier hundeartiger Wesen in
dicht-geschuppter Rüstung. Oder gehören die Schuppen
zu den Tieren selbst? Die Auflösung des Feldstechers ist zu
schwach. Ich beobachte die
Kavalkade, die den beiden Hundeführern in dichter Formation
folgt. Als sie der ersten Kurve folgen, wird ihre Bewaffnung
erkennbar. Nirrh! Sie sollten nur über durch von einer
chemischen Reaktion hervorgerufenen Explosion, beschleunigte
Projektile verfügen. Aber das da unten sieht Lasergewehren
verdammt ähnlich! LGs! Keine Einschränkung der
Reichweite außer der Sehschärfe des Schützen!
Das ganze Problem ist ein Ende heikler als erwartet. Ich
ziehe mich vom Abhang zurück. Ich habe genug gesehen. Die
Einheimische ist noch da. Erstaunlich, daß sie es wagte zu
warten...
...manchmal
entdecke ich morgens Schrammen, beinahe verheilt, klein genug,
um mit einer unbewußten Bewegung im Schlaf erklärt zu
werden, genauso wie die paar blauen Flecken oder die
gelegentlichen, dumpfen Muskelschmerzen, die man im allgemeinen
auf "falsch gelegen" schiebt, aber die genauso gut die
letzten Überbleibsel eines ausgedehnten Muskelkaters sein
können. Keine größeren
Verletzungen. Nur die Kratzer
und eine schmale, blasse Narbe unter meinem Kinn, an deren
Ursache ich mich nicht erinnern kann. Kleinigkeiten.
Jede einzelne für sich genommen nicht ungewöhnlich
aber trotzdem – seltsam. Vielleicht
bin ich verrückt. Ich erinnere mich an Dinge, die nicht
geschehen sind. Dinge, die nicht geschehen konnten. Aber
ich erinnere mich.
A. Kniggendorf,
20010323 |